Zu der Schneidergruppe gehören Ingrid, Bärbel, Helga und Marta (von rechts nach links). Während des Interviews kommt eine türkische Frau vorbei, begrüßt Marta ganz herzlich und präsentiert stolz ihren Mantel: „Den Mantel habe ich genäht! Das habe ich mir alles zuhause selbst beigebracht.“

Ehrenamt am Kotti: Mit Nadel und Faden

In dieser Rubrik stellen wir dir Ehrenamtliche vor, die sich bereits am Kotti engagieren.

MARTA, MITGRÜNDERIN DER SCHNEIDERGRUPPE, IM INTERVIEW
“Dieses Miteinander und Füreinander in der Nachbarschaft finde ich so schön!”

Liebe Marta, du engagierst dich seit vielen Jahren in der Schneidergruppe und hast sie auch gegründet. Wie ist es dazu gekommen?
Ich lief 2003 auf der Straße und sah dass bei einigen türkischen Frauen der Mantel oder das Kleid auf dem Boden schleifte. Da dachte ich: „Das ist keine große Arbeit, das zu kürzen. Und dann müssen sie mit ihrer Kleidung nicht mehr über den Boden schleifen“. 2004 habe ich daher mit Helga die Schneidergruppe angefangen, später kam Bärbel dazu. Die Wohnungsgesellschaft GSW stellte uns kostenlos den Raum zur Verfügung, den wir bis heute nutzen. Wir kürzten Hosen, Jacken oder Röcke. Dank der finanziellen Unterstützung des Quartiersmanagements konnten wir eine gelernte Schneiderin bezahlen, die eine große Unterstützung war. So treffen wir uns nun schon seit 12 Jahren regelmäßig, um zu nähen.

Welches Ereignis war besonders schön?
2010 konnten wir mit Unterstützung der früh verstorbenen Ulrike Zabel vom Kompetenzzentrum und Neriman Kurt von Kotti e.V. eine Modenschau im Stadtteilzentrum Familiengarten organisieren. Die ganze Kollektion war selbstgenäht. Unsere Teilnehmerinnen der Schneidergruppe liefen als Models über den Laufsteg. Es war sehr voll an dem Tag! Und ich durfte mit dem damaligen Bezirksbürgermeister Franz Schulz die Modenschau moderieren, das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Wie ging es weiter mit der Schneidergruppe?
Eine Zeitlang mussten wir ohne finanzielle Unterstützung auskommen und konnten keine Schneiderin bezahlen. Da war ich sehr froh, dass ich Bärbel, die Näherin ist, und Helga als Unterstützung hatte. Durch Mittel aus dem Aktionsfonds des Quartiersmanagements Zentrum Kreuzberg/Oranienstraße haben wir wieder eine gelernte Schneiderin in der Gruppe, die uns in den nächsten Monaten unterstützen wird. Das ist die Ingrid und wir freuen uns sehr, dass sie da ist. Durch den Aktionsfonds-Antrag haben wir auch die Möglichkeit, unsere Nähmaschinen reparieren zu lassen.

Warum engagierst du dich ehrenamtlich in der Schneidergruppe?
Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.
Als ich damals als ungarische Gastarbeiterin aus Serbien hierherzog, hatte ich sehr wenig und habe viel geschenkt bekommen. Viele der Frauen, die zu uns in die Schneidergruppe kommen, können es sich nicht leisten, mit ihrer Kleidung zur Änderungsschneiderei zu gehen und kommen deswegen zu uns. Besonders viel Spaß macht es mir, zu sehen, wie glücklich die Frauen sind, nachdem sie etwas fertig genäht haben. Sie ziehen es an, stellen sich vor den Spiegel und sehen sehr zufrieden aus.

Was ist das Schöne am Kotti?
Ich wohne seit 45 Jahren am Kottbusser Tor. Eigentlich komme ich aus Ungarn und schätze daher sehr, dass du alle Nachbarn einfach ansprechen kannst. Auch wenn sie dich vielleicht nicht verstehen, sie versuchen mit dir zu kommunizieren. Es gibt viel Kontakt unter den Nachbarn, mich kennt hier fast jeder. Ich habe zum Beispiel eine Hochzeitseinladung aus meinem Haus erhalten. Die Braut kannte ich schon als kleines Baby! Dieses Miteinander und Füreinander in der Nachbarschaft finde ich so schön!


DAS ANGEBOT
Was?  In unserer Schneidergruppe machen wir alte Kleidung passend und nähen auch neue Kleidungsstücke.
Wann und Wo? Jeden Mittwoch von 10 – 12 Uhr in den Räumen von Kiez Aktiv im Hinterhof der Kottbusser Str. 4
Wer kann kommen? Alle, die schon ein bisschen nähen können und noch etwas dazu lernen möchten, sind herzlich eingeladen. Ebenso alle, die ein Kleidungsstück repariert bekommen möchten.

Zum Foto oben: Zu der Schneidergruppe gehören Ingrid, Bärbel, Helga und Marta (von rechts nach links). Während des Interviews kommt eine türkische Frau vorbei, begrüßt Marta ganz herzlich und präsentiert stolz ihren Mantel: „Den Mantel habe ich genäht! Das habe ich mir alles zuhause selbst beigebracht.“